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INVENTURARBEIT

Inventurarbeit, zusammen mit einem älteren Mann, der murmelnd die Kinderkleidchen mitzählt, was in dem kleinen, vollbehangenen Kämmerchen furchtbar laut herauskommt.
Als er meint, fertig zu sein, geht er.
Ich schieße weiter meine Zettelchen ab, konzentriere mich auf die Anzahl der kleinen, bedruckten Pullover, denn wenn man sich einmal verrechnet, kann man den ganzen Abschnitt nochmal von vorne anfangen.
Du lauerst hinter mir auf der Leiter, lenkst mich aber nicht ab, sondern wartest geduldig.
Kaum bin ich durch, stürzen wir uns aufeinander wie Tiere; Und als du mich an dich presst uns sich unsere Lippen treffen, ich deine Wärme und deinen Geruch plötzlich so nah bei mir habe, der bis jetzt immer nur in kleinen, gerade so erträglichen Schwädchen zu mir herübergeweht ist, rast mir ein Ziehen durch den ganzen Körper und setzt sich so hartnäckig in meinem Unterleib fest, wie man es als Frau selten verspürt.
Das andere, was ich verspüre, bist du an meinem Hüftknochen, fordernd. Jede Berührung fühlt sich an wie ein Stromschlag.

Fast will ich lachen über die Absurdität der Situation; wir hatten kaum eine Woche keinen Sex, was für uns äußerst ungewöhnlich ist, aber gut, ungünstige Umstände; und schon haben wir diese Wirkung, diese Spannung aufeinander;
aber zum Lachen bin ich viel zu abgelenkt.
Ich hätte wissen müssen, dass wir so unmöglich miteinander arbeiten können.
Wir lösen uns widerwillig voneinander, schließlich muss man seinen Job tun; Aber das fordernde, animalische Funkeln in den Augen bleibt, und die Arbeit, die eigentlich ganz gut zu machen wäre, wird eine kleine Herausforderung.
2.2.13 17:13


ROLLIN´ ROLLIN´

"Wenns nicht mehr geht, fahr ich.", biete ich mit trockenem Witz an, als ich zum dritten Mal bemerke, wie du vor Kopfschmerzen das Gesicht verziehst.
Du hältst an, haust die Handbremse rein, schaust einen Moment durch die Frontscheibe in die menschenleere, nächtliche Straße, dann steigst du ohne ein weiteres Wort aus dem Wagen, kommst auf meine Seite und hältst mir die Türe auf.
"Das ist jetzt nicht dein Ernst?", frage ich, aber du wartest wortlos, bis ich ausgestiegen bin und auf die Fahrerseite gewechselt habe.
Wann saß ich nochmal das letze und einzige Mal in dem Ding hinter dem Steuer? Vor ein paar Monaten?
Der Führerschein ist doch vor nächstem Sommer in einem halben Jahr gar nicht geplant.
Räuspernd werfe ich einen Blick auf die nur von Straßenlaternen beleuchtete Straße. Es geht erstmal recht gut bergab.
Ich erinnere mich grob daran, dass ich die Kupplung brauche.
Also löse ich schließlich die Handbremse und fange an, den Wagen gemütlich den Berg runter nach Hause rollen zu lassen; Viel mehr hätte es nicht benötigt -
wäre mir nicht dieser Idiot von den Schrebergärten entgegengekommen, der sowieso schon viel zu weit auf meiner Straßenseite gefahren ist.
Und dann kommen plötzlich doch genauere Erinnerungen zurück, ich drücke wirklich die Kupplung und lasse das Gas kommen, also fahren wir kollisionslos an dem Typen vorbei.
Ohne den Wagen abgewürgt zu haben.
Ein breites Grinsen breitet sich auf meinem Gesicht aus, dass allerdings ein wenig lächerlich wirkt, weil ich den Wagen nach der nächsten scharfen Kurve ungefähr in Fußgängergeschwindigkeit einfach weiter den Berg runterrollen lasse.
Mit einer starken Einlenkung kommen wir dann schließlich
vor einem anderen Auto sanft zum Stehen.
Ich wende dir meinen Kopf zu; dein Gesicht schimmert in der Dunkelheit in dem schwachen Licht der Armaturanzeigen.
Mein Grinsen wird noch ein ganzes Stück breiter.
"Ich hab eingeparkt.", bemerke ich stolz.
Du streichst mir mit dem Finger über die Wange.
"Ich weiß.", antwortest du und lächelst.
25.11.12 23:00


WUNDERVOLLER ADONIS



Es gibt Momente, da zweifele ich daran.
Einerseits, weil er meine Grundeinstellung wohl nie völlig wird ändern können, er nannte es "Zähmen" und lag damit wohl gar nicht so falsch;
und andererseits sind es kleine Dinge, die mich stören; die er nicht absichtlich macht, aber bei denen ich ihn, so ungern ich es zugebe, mit Tino und Chris vergleiche und mich frage, ob das langfristig Sinn macht. Es ist eine doch beachtliche Liste.

Und dabei ist es perfekt.
Er ist es nicht, ich bin es nicht.
Meine beste Freundin verunsichert mich damit, dass ich ihrer Meinung nach einen Adonis abkriegen würde, und ironischerweise kündigt er selbst wenige Tage später an, mit ein paar Monaten Training wieder ein Adonis zu werden; Er sei fett geworden in seiner letzten Beziehung, habe nachgelassen, und dabei fehlt ihm wenig zum Adonis.
Ich glaube, er hat Angst, mir nicht gerecht zu werden.
Und das ist es. Das ist das Schlimmste. Ich weiß, dass er mich aus ganzem Herzen liebt, und diese zweifellose gegenseitige Liebe ist wundervoll, und er ist wundervoll zu mir.
Das ist das Wichtigste, was mich am Stärksten an ihn bindet.
Aber er ist nicht ganz unkompliziert, und sobald er nicht mehr ganz so wundervoll ist, und seien es kleine Dinge, die er unbewusst tut, fange ich an zu zweifeln.

Und dabei ist es wirklich perfekt.
Unschöne Momente sind die Ausnahme, wir führen eine traumhafte Beziehung, und nichts, nicht die Begierde, die Wiedersehensfreude, der Abschiedsschmerz, und sei es nur für eine Nacht, nichts davon hat abgenommen in den vergangenen Monaten.
Und dann gibt es immer noch solche ganz besonders wundervollen Tage, Stunden, Momente wie heute;
An denen so viel passiert, schreckliche Dinge;
Aber er ist da und ist mein wundervoller Adonis, und spät Abends liege ich schwer atmend in meine weiße, frisch bezogene Samtbettdecke eingewickelt im Bett, ihn und seinen heißen Atem am Rücken, seine Küsse im Nacken, seine breiten Schultern um mich und seine großen, schönen Hände, die meine Arme entlanggefahren sind, in meine verschränkt, spüre seinen Puls durch die nackte, warme Haut, der sich noch nicht ganz beruhigt hat, und kann ihm gar nicht mit Worten beschreiben, wie sehr ich ihn schätze und liebe.
7.11.12 00:06


ZUSAMMENKÜNFTE




Ich lehne in der Küche und schau Johannes dabei zu, wie er Zwiebeln schneidet - hauptsächlich, weil ich es nicht fassen kann, dass hier tatsächlich gekocht wird.

Mittlerweile ist mir diese Wohnung nur allzu gut bekannt, und obwohl ich jetzt schon so oft hier war, hab ich die Eltern der beiden Jungs, die hier wohnen, noch kein einziges Mal getroffen.
Es ist, als hätten sie keine.
Wir sind am Wochenende hier, feiern kleine Parties, oder unter der Woche. Die Wohnung ist was Besonderes, perfekt für solche Zusammenkünfte, irgendwie unreal, weil man weiß, dass da irgendwo noch Eltern dahinterstecken, aber da ich nie das Vergnügen hatte, diese kennen zu lernen, sind sie für mich nicht mehr als ein flüchtiges Wort.
Wenn ich da bin, steht Rum oder Whiskey auf dem kleinen Beistelltisch neben der Couch, immer. Normalerweise gibt es Cornflakes oder Tiefkühlpizza, und meistens dauert es nicht lange, bis der erste Spliff angesteckt wird.

Der Hund rennt die ganze Zeit um uns herum, ein unglaublich liebenswerter Boxer, und er begrüßt mich, als würde er mich schon ewig kennen.
Johannes schneidet unermüdlich Wurst, Käse und Frühlingszwiebeln. Er meint lachend, er würde gerne kochen. Scheinbar war es laut meinem Gesichtsausdruck nötig, das mal zu erwähnen.
"Und hier gibt´s ja sonst nur Tiefkühlpizza; Wenn ich schonmal da bin, muss ja irgendwer dafür sorgen, dass die frischen Sachen im Kühlschrank verarbeitet werden."

Ich muss lachen, sitze nachher mit meinem Freund auf dem Sofa, während bei Johannes in der Küche ein einwandfreies Omelett auf dem Herd steht. Noch sind wir zu viert.
Als der fünfte kommt, ist das Omelett weg und der erste Spliff bereits in Arbeit.

Angus & Julia Stone - All of me (Oliver Rado Remix)
19.10.12 00:12


CORE



Wir rennen kreuz und quer über eine vom Tau nasse Wiese, umzingelt von Leuten, die ich nicht kenne, aber deren Persönlichkeiten mir bekannt vorkommen, alles wirkt verschwommen.
Wir rennen um einen Haufen Sperrmüll, Tische, die mit Tüchern verhangen sind wie die Dachverstecke bei Assassins Creed, Leute brüllen uns irgendetwas zu, und der Ton ist freundlich, obwohl die Worte es nicht sind; Über uns dröhnen immer wieder die Rotoren einer riesigen Formation Düsenflieger, die Bomben über uns abwerfen.
Die Leute wollen uns umbringen, haben die Wiese wie ein menschliches Schild umstellt, lassen niemanden zwischen ihnen fliehen.
Irgendwann habe ich mich durch den Sperrmüll gegraben, kauere unter einem kleinen, quadratischen, verhangenen Tisch, zähle nach jeder Runde der Formation die Sekunden, bis aus dem pfeifenden Geräusch fallender Bomben der Lärm ihres Aufschlags kommt und alles erbebt.
Ich weiß irgendwie, dass ich überleben werde, warte nur darauf, dass es aufhört, dass dieses Pfeifen und das Beben aufhört.
Sie werden mich vergessen. Zwischen dem Sperrmüll bin ich sicher, solange sie mich für tot halten.
Luge irgendwann vorsichtig zwischen dem Stoff durch, der um meinen Tisch gespannt ist, und sehe Core mitten auf der Wiese stehen, neben irgendeiner Person, die keine Rolle spielt, und er fängt meinen Blick auf und schaut mich an, mit dieser unglaublichen Reife, die ich scheinbar als einzige bei ihm festgestellt habe. Ein nicht in Worte zu fassender Blick;
Die blaugrauen, klaren Augen so voller Zuneigung, mit dem ganzen Ernst des Lebens und unendlicher Zuversicht, aber gleichzeitig in dem Wissen, dass es für ihn hier vorbei ist.
Ich will schreien, aber sein Blick taucht die Situation plötzlich in irre Ruhe; Aus dem Massenchaos wird Zeitlupe, bis auf seine langsamen Schritte auf mich zu und seine glasklaren Augen ist alles verschwommen, die aufkommenden Bomben sind nicht mehr mehr als ein dumpfes, abgedämpftes Grollen.
Ich will nicht ohne ihn weg. Ich weiß, dass ich durchkommen werde, aber ich will es verdammt nochmal nicht ohne ihn.
Ich will schreien.
Als das Zischen der nächsten Bombensalve ihn noch nicht ganz erreicht hat, wache ich auf, und für den Moment, in dem ich noch nicht ganz zurück, aber bereits weg bin, setzt mein Herz aus.
23.9.12 23:40


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