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GOLDEN WELCOME





TSYN Deep House


Sonnengeflutet wache ich auf, mein milchig-weißer Vorhang leuchtet, golden glänzen die freien Streifen dazwischen.
Ich seufze zufrieden und blinzele ins Licht, fahre mit den Fingern über den weichen, warmen Stoff, genieße den Geruch frisch gewaschener Bettwäsche. Ich räkele ich mich friedlich in dem exklusiven Luxus, das erste Mal seit zwei Wochen in meinem eigenen Bett ausschlafen zu können.
Erinnerungen der letzten zwei Tage kommen auf, unwillkürlich muss ich lächeln. Als ich die dicke Bettdecke ein Stück zur Seite schiebe, um nach meinem Handy zu greifen, spüre ich den Muskelkater von gestern immer noch lähmend in den Schultern, nach wie vor ohne eine Ahnung, woher er eigentlich kommt, und auch der leichte Kater, der sich seit Samstagmorgen durch mein Wochenende gezogen hat, hat mich noch nicht verlassen -
aber nichts davon kann meine Laune trüben.

Bilder ziehen vor meinem inneren Kopf vorbei, einzelne Äußerungen und Gespräche, Momente, einträchtige Gemeinsamkeit.
Eine Nachricht meines Freundes, die mich auf meinem Handy erwartet, erinnert mich schließlich doch an den einzigen Konflikt der letzten zwei Tage, und belegt meine verträumte Stimmung dann doch mit einem Hauch von nachdenklichem Schuldbewusstsein, aber auch einem beharrlichen Gefühl von Ärger.
Er ist wegen seiner Klausuren zum Semesterende dieses Wochenende nicht gekommen und hat mir das die letzten drei Tage nicht boshaft, aber in einem Ton, aus dem ich unterschwellige Vorwürfe herausgelesen habe, immer wieder unter die Nase gerieben. Als wären seine Klausuren meine Schuld; mein eigenes Abitur steht an.
Ich war das ganze Wochenende unterwegs, und er weiß das.
Zwischendrin kamen ständig Nachrichten, wie sehr er mich vermisse, dass ihm langweilig sei und er nicht mehr alleine schlafen wolle und könnte.
Das Problem war - während er scheinbar eines der langweiligsten, trübseligsten Wochenenden seit langem hatte, hatte ich eines der schönsten.

Die Sache ist die; Egal, wie oft Johannes das infrage stellt, es macht verdammt nochmal einen Unterschied, ob man mit seinem Freund unterwegs ist oder nicht, wenn man mit Freunden herumhängt, die er zum Zeitpunkt des Beziehungsbeginns weitaus besser kannte als man selbst.
Wer weiß, wie die Dinge gelaufen wären, wäre diese Beziehung nicht oder zumindest später zustande gekommen.
Ich will nicht als seine Freundin "akzeptiert" werden - ich habe diese Leute so sehr ins Herz geschlossen, und ich möchte genauso wegen meinem eigenen Charakter gemocht werden.

Und dieses Wochenende war nach allem, was wir schon zusammen erlebt haben, der endgültige Beweis dafür, dass das der Fall ist.
Das Traurige ist - diese Leute passen genau in das Schema meines liebsten Freundeskreises, und solche sind selten zu finden. Allein am Freitagabend fielen genug Kommentare, die zeigen, dass ich problemlos ein Teil davon geworden wäre beziehungsweise längst bin, solange mein Freund nicht dabei ist, ich wusste immer, dass ich da hineinpasse, das macht die Erfahrung - aber sobald er wieder da ist, wird er irgendwie wieder dazwischen stehen, vielleicht immer.
Es ist einfach so anders.

Ich denke an Marine, der gewissermaßen seine Rolle übernommen hat, auf mich "aufzupassen" - Marine ist ein wandelndes Rätsel für mich, welches sich ebenfalls ausschließlich in Abwesenheit meines Freundes im Laufe der Zeit immer wieder stückweise ein bisschen geöffnet hat. So viel der letzten zwei Tage geht mir nicht aus dem Kopf.
Ich greife nach meinem Macbook und suche mit ein paar Liedzeilen, die mir im Kopf geblieben sind, den Song, den er gestern Nacht während der Rückfahrt laufen ließ, als er mich heim gefahren hat. Es überrascht mich nicht, dass er von F.R. stammt, im Grunde habe ich die Stimme sofort erkannt.
Achja. Was wäre aus uns allen geworden, würde es meine Beziehung nicht geben? Es ist ein Gedanke, der mich nicht loslässt, aber der sich auch unermüdlich im Kreis dreht und jeglichen mögliche Lösungsansatz immer mehr verschwimmen lässt, je mehr ich darüber nachdenke.
9.2.14 12:17
 


bisher 3 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Moe (9.2.14 16:13)
Jules...
Ich weiß, was du meinst.
Es hat sich herausgestellt, dass dich diese Leute definitiv bei sich haben möchten, auch (oder vielleicht sogar besonders?) allein. Das wundert mich überhaupt nicht.
Aber es ist ärgerlich, wegen so etwas auf besondere Freundschaften zu "verzichten", auch wenn es die Beziehung wohl wert ist...

Es ist selten, dass man Probleme nicht nur deswegen nicht lösen kann, weil man sich nicht traut etc., sondern weil es scheinbar wirklich keine Lösung gibt.
Ich verstehe, dass dich das anpisst, wenn du an solche Sachen sonst einfach rangehst, wenn sie sich ändern lassen.

Meinst du, das Wochenende hat irgendwas verändert?


Jules (9.2.14 21:57)
Ich weiß es nicht.. es hat uns enger zusammen gebracht, auf jeden Fall. Im Endeffekt wirklich etwas ändern kann es kaum.

Danke für den lieben Kommentar. Irgendwie habe ich das Gefühl, du verstehst immer, was gerade los ist.


Andreas / Website (10.2.14 07:28)
Zu sehen was ist und was hätte sein können ist eine Gabe über die nur wenige Menschen verfügen. Du siehst das Drehbuch, aber in deinem Kopf gibt es mehrere verscheidene Enden und Entwicklungen. Vielleicht macht dich das nicht unbedingt glücklicher, auf jeden Fall aber äußerst besonders. Liebe Grüße!

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