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ELEMENTAR






FR - Sonne schneit





Wir sitzen nebeneinander auf dem Balkon, er raucht, und lassen uns die Sonne aufs Gesicht scheinen, die man seit Wochen so selten mal für ein paar Minuten zu sehen bekommt.
Ich schweige, weil ich ihn kenne; er hasst überflüssiges Gerede wie die Pest, wenn Leute meinen, Smalltalk betreiben zu müssen, weil sie die Stille nicht aushalten.

"Jules, was ist los?", fragt er.
Ich lächele. Entgegen meiner Erwartung bin ich weder überrascht, dass er redet, noch, dass er gemerkt hat, dass ich nachdenklich war vorher; denn wenn ich darüber nachdenke, ist er überraschend sensibel, wenn es um mich geht.
"Du wirkst so nachdenklich."
"Erinnerst du dich an deinen Vorschlag letztes Wochenende, irgendwann im Sommer einen Wohnwagen zu mieten und ein paar Tage herumzureisen? Irgendwohin zu fahren, völlig egal wohin; vielleicht ans Meer, an die Küste.
Der Gedanke erfüllt mich mit Wärme. Etwas Ähnliches wäre nicht das erste Mal, und ich weiß genau, wie das ablaufen würde; Wir würden endlos wandern, viel laufen, baden gehen an menschenleeren Stränden, abends auf den Klippen sitzen und rauchen, uns den Sonnenuntergang anschauen. Wir würden irgendwo Wein kaufen, trinken und lachen. Wir würden Feuer machen, wir würden alles machen; diese Leute in Kombination sind genau dafür wie geschaffen.
Wir würden uns ein paar Tage lang eine eigene Welt zusammenbasteln, rau und elementar, unverfälscht, geerdet.
"Natürlich erinnere ich mich." Er lächelt, auch ihm scheint der Gedanke nach wie vor zu gefallen. Er weiß, was ich meine; er weiß, dass es genau so ablaufen würde.

Ich überlege, ob ich ihn auf etwas anderes ansprechen soll - ein Gedanke, der mir plötzlich kam beim Betrachten eines alten Bildes - , dass ich das Gefühl habe, mein Freund hätte sich verändert, und dass ich mich unter anderem in Eigenschaften verliebt habe, die bereits bei unserem Kennenlernen sehr weit bei ihm zurückgegangen waren. Das hatte kaum einen Einfluss auf die Zuneigung, weil es so langsam ging und von Anfang an nur noch schattenhaft an ihm auszumachen war, aber im Nachhinein war es mir irgendwie wieder aufgefallen.
Ich wollte ihn das sowieso fragen, weil er ihn schon so lange kennt; aber ich finde, dass das nicht der richtige Moment ist.

Ohne meinen Freund erwähnt zu haben, scheint er erahnt zu haben, an was ich denke, denn er zieht ein letztes Mal an seiner Zigarette, der Tabak knistert, dann drückt er den Stummel in einem kleinen Ton-Blumentopf aus, der irgendwann zum Aschenbecher umfunktioniert wurde.
"Sagt er dir manchmal, wie schön du bist?", fragt er auf einmal, völlig aus dem Kontext gerissen.
Ich schaue ihn an, suche in seinem Blick nach einem Anzeichen von Zynik, wie er früher besonders und auch heute noch manchmal Gespräche mit solchen scheinbar sinnlosen Bemerkungen beendet, um zu zeigen, dass ihm das keinen Millimeter unter die Haut geht; aber er scheint das ernst zu meinen, auch wenn er den Blick recht schnell wieder senkt.
"Also ich meine, ob er begreift... was er hat?"
Ich lache, aber nicht über seinen Versuch, sich auszudrücken, sondern liebevoll über seine Sensibilität.
"Er sagt es oft, ja.", antworte ich. Was für eine Frage. Ich bin fasziniert von der Tiefe ihrer Bedeutung, und merke gleichzeitig, dass ich sie nicht beantworten will - und kann.
"Man erfasst sich selbst nie so, wie es andere tun.", murmele ich.
Mir schießt durch den Kopf, dass mein Freund mich definitiv anders begreift als ich selbst, und dann höre ich mich sagen:
"Ich glaube, du begreifst dich nicht in deiner vollen Dimension. Oder du willst nicht, dass es andere tun."
Er schaut mir in die Augen, kurz, aber intensiv - ein Moment, der mir klar macht, wie selten wir uns eigentlich wirklich anschauen - und auf einmal wird uns die gegenseitige Wertschätzung in beiden Aussagen bewusst, trotz der vielen Ironie und der schiefen Kommentare, die, wahrscheinlich aus Unsicherheit, früher häufig und auch heute noch immer wieder aufgekommen sind.
Wir sollten alle zusammen wegfahren, an die Küste.
12.2.14 00:27
 


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Andreas / Website (12.2.14 06:43)
Ich habe das Gefühl als wäret ihr schon dort, an der Küste, oder dort, wo jeder eigentlich sein sollte, aber die meisten niemals hinfinden. Ich bewundere was du bist, und was du sehen kannst, und ich bewundere es wie es dir gelingt diese Dinge in Worte zu fassen. Manchmal kann ich nicht glauben dass du so sein kannst ohne dich aufzulösen oder zu verschwinden, und ich habe den Impuls dich zu beschützen, obwohl ich weiß dass das im Grunde garnicht nötig ist. Ich habe den Eindruck dass das, was manche nur in wenigen Momenten erfahren, eigentlich das ist was dein leben ausmacht. Und das ist unendlich kostbar, so wie du. Liebe Grüße!

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